Wöchentliche Kolumnen entdecken

Jede Woche eine neue Kolumne von "der Kolumnist", die zum Nachdenken anregt und persönliche Einblicke bietet.

 KOLUMNE · Das Leben 

Die Notlüge. 

 Ein Geständnis in mehrern Teilen

 Über die kleinen Unwahrheiten, die das soziale Gefüge zusammenhalten. Über die Frage, wo Höflichkeit endet und Feigheit beginnt. Und über den Moment, in dem man merkt: Die ehrlichste Person im Raum hat trotzdem gerade gelogen. 

 Copyright Michael Kopytko  ·  25.06. 2026 

  

Ich lüge. Nicht oft, nicht gross, nicht mit böser Absicht, aber ich lüge. Mehrmals pro Woche, vermutlich täglich, in kleinen, präzise dosierten Portionen, die ich mir selbst nicht als Lügen verkaufe, sondern als Höflichkeit, als Rücksichtnahme, als soziale Schmierung eines Getriebes, das ohne sie quietschen würde. „Wie geht's?"  „Gut, danke." Lüge. „Der Haarschnitt steht dir." Manchmal Lüge. „Ich bin gleich da." Fast immer Lüge. Wir alle tun das. Wir alle wissen es. Und wir reden trotzdem nicht darüber, was, wenn man es genau nimmt, selbst eine Art Lüge ist.
Heute reden wir darüber. Über die Notlüge. Dieses elegante, weitverbreitete, moralisch ambivalente Werkzeug des zivilisierten Lebens. Nicht die grosse Lüge, die ist einfach zu beurteilen, zu klar in ihrer Verwerflichkeit. Sondern die kleine. Die freundliche. Die, die man sagt, weil die Wahrheit in diesem Moment mehr kaputt machen würde als die Lüge. Die, hinter der man steht und gleichzeitig nicht steht. 

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Beginnen wir mit der Wissenschaft, die uns wie immer keine grosse Absolution erteilt, aber zumindest Kontext. Studien zeigen, dass Menschen im Schnitt ein- bis zweimal pro Tag lügen und dass ein erheblicher Teil dieser Lügen sogenannte prosoziale Lügen sind: Lügen, die nicht dem eigenen Vorteil dienen, sondern dem Schutz anderer. Oder dem Schutz der Beziehung. Oder dem Schutz des Abends, den man noch retten möchte.

 

 Was die Forschung über Lügen weiss 


Der Psychologe Robert Feldman von der University of Massachusetts fand in einer vielzitierten Studie heraus, dass Menschen in einem 10-minütigen Gespräch mit Fremden durchschnittlich drei Mal lügen und sich danach an mehr als die Hälfte davon nicht mehr erinnern können. Die Lüge ist so selbstverständlich geworden, dass sie das Bewusstsein kaum streift.
Besonders interessant: Prosoziale Lügen, also jene, die primär anderen nützen, aktivieren im Gehirn andere Regionen als eigennützige Lügen. Sie werden anders erlebt, anders erinnert und anders bereut. Das Gehirn unterscheidet. Die Moral tut es auch, nur mit weniger Eindeutigkeit.
Und: Wer nie lügt, wird sozial als weniger angenehm wahrgenommen. Vollständige Ehrlichkeit wird in der Praxis als Rücksichtslosigkeit erlebt. Wir sagen, wir wollen die Wahrheit. Wir meinen: die meiste Wahrheit, solange sie nicht wehtut.

Wir sagen, wir wollen die Wahrheit. Das ist vielleicht die grösste Lüge von allen. Was wir wirklich wollen, ist eine Wahrheit, die uns gut aussehen lässt, unsere Gefühle schont und den Abend nicht ruiniert. Das ist menschlich. Das ist verständlich. Und das ist der fruchtbare Boden, auf dem die Notlüge gedeiht. 

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Ich habe ein Archiv angelegt. Mental, über Jahre, aus eigener Erfahrung und den Geständnissen von Menschen, denen ich vertraue. Die grössten Klassiker der Notlüge, ehrlich präsentiert: 

 
Das Notlügen-Archiv, Gesagt vs. Gemeint

Die Notlüge

„Mir geht's gut, danke."

Die Wahrheit
Ich bin erschöpft, leicht überfordert und hätte eigentlich keine Lust auf dieses Gespräch – aber ich will auch nicht, dass du nachfragst.

 

Die Notlüge 

„Das steht dir wirklich gut!"

Die Wahrheit
Es steht dir nicht schlecht. Du bist glücklich damit. Das reicht mir.


Die Notlüge 

„Ich bin gleich da, noch fünf Minuten."

Die Wahrheit 

Ich sitze noch zu Hause. Zwanzig Minuten. Mindestens.


Die Notlüge 

„Das Essen ist wirklich lecker!"

 Die Wahrheit 

Es ist in Ordnung. Du hast dir Mühe gegeben. Das ist wichtiger als der Geschmack.


Die Notlüge 

„Ich habe deine Nachricht erst gerade gesehen."

Die Wahrheit 

Ich habe sie vor drei Stunden gesehen. Ich brauchte Zeit. Ich wollte nicht sofort antworten müssen.

 

Die Notlüge 

„Nein, du störst mich überhaupt nicht."

 Die Wahrheit 

Du störst mich ein bisschen. Aber du bist mir wichtiger als das, was ich gerade tue.


Die Notlüge 

„Ich habe leider schon etwas vor."

 Die Wahrheit 

Ich habe nichts vor. Ich möchte nichts vor haben. Ich möchte diesen Abend auf dem Sofa verbringen und muss das nicht erklären. 


 Nun zur eigentlichen Frage, der, die hinter jeder Notlüge lauert wie eine leise, unbequeme Stimme: Ist es falsch? Ist die Notlüge ein ethisches Problem, das wir schönreden? Oder ist sie ein soziales Werkzeug, das wir zu Unrecht verteufeln?
Ich habe keine abschliessende Antwort. Aber ich habe eine Beobachtung. Es gibt zwei Arten von Notlügen, und sie sind grundverschieden, auch wenn sie von aussen gleich aussehen.

 
1 Die Lüge aus Fürsorge. Man lügt, weil die Wahrheit in diesem Moment mehr Schaden anrichten würde als nützen. Die Grossmutter fragt, ob ihr Kuchen gut war, er war es nicht besonders, aber sie hat ihn mit Liebe gebacken, und es ist ihr letzter Geburtstag in guter Gesundheit, und die Wahrheit würde nichts verbessern und viel kaputtmachen. Man lügt. Man lügt mit vollem Bewusstsein. Und man schläft trotzdem gut. 

 
2 Die Lüge aus Feigheit.
Man lügt, weil die Wahrheit unbequem wäre, nicht für den anderen, sondern für einen selbst. Man sagt nicht, dass man den Job nicht will, weil man Konflikte meidet. Man sagt nicht, dass die Beziehung sich falsch anfühlt, weil man die Konsequenzen scheut. Man sagt „Mir geht's gut" nicht aus Rücksicht, sondern weil man nicht reden will und nicht den Mut hat, das zu sagen. Diese Lüge schläft nicht gut. Sie wächst. 


Der Unterschied klingt einfach. Er ist es nicht. Denn in der Praxis, mitten im Moment, wenn man gefragt wird und die Antwort formulieren muss, verschwimmt die Grenze. Man lügt, und man weiss oft nicht sofort, welche Art von Lüge es war. Das merkt man erst später, wenn die Lüge sitzt. Wenn sie bleibt. Wenn sie anfängt, andere Dinge zu beeinflussen. 

 

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 Dennis hat mich einmal direkt gefragt: „Lügst du mich manchmal an?" Ich dachte nach. Nicht lang, aber ehrlich. Und ich sagte: „Ja. Meistens wenn ich dich schützen will. Manchmal wenn ich mich schützen will." Er schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Das zweite ist das, worüber wir reden müssen."
Er hatte recht. Und das ist vielleicht das Klügste, was man über Notlügen sagen kann: Nicht alle Notlügen sind gleich, und nicht alle sind nötig. Manche sind echter Schutz, zart, aufmerksam, menschlich. Andere sind Aufschub. Eine bequeme Verzögerung der unbequemen Wahrheit, die sich mit jedem Tag schwerer wird zu sagen.
Ich habe seitdem angefangen, meine Lügen zu sortieren. Nicht um sie zu eliminieren, das wäre sowohl unmöglich als auch unerwünscht. Das Leben braucht ein bisschen Notlüge, so wie ein Uhrwerk Öl braucht. Aber ich versuche zu merken, welche Art ich gerade benutze. Ob ich lüge, um jemandem etwas zu geben, oder um mir selbst etwas zu ersparen.
Es ist ein Unterschied. Er ist klein. Und er ist, finde ich, einer der wichtigsten Unterschiede, den man im eigenen Leben lernen kann. 

Heute Morgen hat mich Dennis gefragt, wie ich geschlafen habe. Ich habe schlecht geschlafen, zu viele Gedanken, zu früh wach. Und ich habe, zum ersten Mal seit langer Zeit, nicht „Gut, danke" gesagt. Ich habe gesagt: „Nicht so toll, ehrlich gesagt."
Er hat Kaffee gemacht. Hat nichts gross draus gemacht. Hat gefragt, ob ich reden möchte. Ich wollte nicht reden. Das habe ich auch gesagt.
Er hat genickt. Hat den Kaffee hingestellt. Und das war alles.
Manchmal ist die Wahrheit kleiner als die Lüge, die man stattdessen gewählt hätte. Und manchmal, manchmal, ist sie auch schöner. 

 KOLUMNE · MENSCHLICHE ABGRÜNDE 

Den falschen Namen sagen . 

 Eine forensische Untersuchung in mehreren Schockwellen

 Über die eine Silbe, die alles verändert. Über die Stille danach, die sich anfühlt wie eine eigene Zeitzone. Über das Gehirn, das einen im schlimmsten Moment verrät  und über die Frage, ob man sich davon jemals wirklich erholt. 

 Copyright Michael Kopytko  ·  18.06. 2026 

 

Es gibt Fehler, die man macht und sofort vergisst. Man tritt daneben, man verschüttet etwas, man sagt das Falsche zur falschen Zeit und das Leben geht weiter, der Moment löst sich auf, irgendwann lacht man darüber. Und dann gibt es diese Fehler. Die, die sich einbrennen. Die, nach denen man um 3 Uhr nachts plötzlich wach liegt, nicht heute, nicht morgen, sondern noch in drei Jahren, mit einer Lebhaftigkeit, als wäre es gerade eben erst passiert. Den falschen Namen sagen gehört zu dieser zweiten Kategorie. Er ist nicht nur ein Fehler. Er ist ein Ereignis. Er hat ein Vorher und ein Nachher. Und dazwischen: eine Stille, die schwerer wiegt als jedes Wort.
Ich muss an dieser Stelle etwas gestehen. Nicht, weil es mir leichtfällt. Sondern weil diese Kolumne nur dann ehrlich ist, wenn ich ehrlich bin. Ich habe es getan. Den falschen Namen gesagt. Einmal. In einem Moment, der keine falschen Namen vertrug. Ich werde keine Details nennen, manche Dinge verdienen auch in einer Kolumne über menschliche Abgründe einen kleinen Rest Privatsphäre. Aber ich war dabei. Ich kenne die Stille danach. Und ich schreibe diesen Text auch als Zeugnis. 

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Fangen wir mit dem Gehirn an, dem eigentlichen Täter in diesem Drama. Denn der Mund sagt den falschen Namen nicht aus Bosheit. Er sagt ihn, weil das Gehirn ihn liefert. Und das Gehirn, dieses komplexe, wunderbare, zutiefst unzuverlässige Organ, speichert Namen nicht in geordneten Schubladen. Es speichert sie in semantischen Netzwerken. Alles, was zusammenhängt, ist verbunden: Menschen, Gefühle, Kontexte, Erinnerungen. Wenn man unter Stress oder in einem emotional aufgeladenen Moment nach einem Namen greift, fischt das Gehirn im nächstgelegenen Netz und manchmal holt es den falschen Fisch.

 

Was die Forschung sagt – und was sie damit anrichtet


Psychologen nennen das Phänomen „Tip-of-the-Tongue"-Fehler oder semantische Interferenz. Das Gehirn aktiviert beim Abruf eines Namens verwandte Konzepte und manchmal gewinnt das Falsche.
Studien zeigen: Menschen verwechseln am häufigsten Namen von Personen, die dieselbe emotionale Kategorie teilen, Partner, Ex-Partner, enge Freunde. Das Gehirn gruppiert nach Gefühl, nicht nach Logik. Man nennt den aktuellen Partner beim Namen des Ex, weil beide in der Schublade „enge Bindung" liegen. Das ist keine Aussage über Gefühle. Das ist Neurologie.
Besonders häufig passiert es in emotional aufgeladenen oder abgelenkten Momenten, also genau dann, wenn es am meisten schadet. Das Gehirn ist in dieser Hinsicht ein schlechter Verbündeter. 

Semantische Interferenz. Ich liebe diesen Begriff. Er klingt nach etwas, das in einem Labor passiert, kühl, kontrolliert, wissenschaftlich. Nicht nach einem Abendessen, bei dem man den falschen Namen sagt und dann hört, wie die Stille sich im Raum ausbreitet wie Tinte in Wasser. Nicht nach dem Gesicht des Menschen gegenüber, das sich verändert, nicht dramatisch, nicht sofort, sondern mit dieser langsamen, präzisen Verschiebung, die schlimmer ist als jede laute Reaktion.
Das Gehirn hat semantische Interferenz. Der Mensch gegenüber hat Gefühle. Das ist der eigentliche Konflikt dieses Themas. 

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 Ich habe nachgedacht, wie man das Ausmass einer solchen Situation messen kann. Nicht in Dezibel, der falsche Name ist leise. Er misst sich in Sekunden. In der Stille, die folgt. Ich präsentiere: die Skala der Stille.

Die Skala der Stille – was jede Sekunde bedeutet


0,5 Sek.
Normale Sprechpause. Nichts passiert. Der falsche Name ist noch nicht angekommen. Das Universum hält kurz an.

1 Sek.
Verarbeitung. Der andere Mensch hat es gehört. Das Gehirn des anderen prüft: Habe ich das richtig verstanden? Ja. Ja, das war der falsche Name.

2 Sek.
Die kritische Grenze. Hier entscheidet sich alles. Wer jetzt spricht,  irgendwas, irgendetwas kann die Situation vielleicht noch retten. Zwei Sekunden Schweigen bedeuten: man hat keine Erklärung. Noch nicht.

4 Sek.
Totenstille. Vier Sekunden sind eine Ewigkeit. Vier Sekunden Schweigen nach dem falschen Namen ist das akustische Äquivalent eines Erdbebens. Beide wissen es. Keiner spricht. Die Luft im Raum hat eine andere Qualität.

7+ Sek.
Jenseits der Rettung. Ab hier gibt es keine sprachliche Strategie mehr, die den Schaden vollständig behebt. Man spricht trotzdem. Man erklärt, entschuldigt, erklärt nochmals. Aber die sieben Sekunden existieren bereits. Sie sind real. Sie bleiben. 

  

 Nun zur Taxonomie. Nicht alle falschen Namen sind gleich. Sie unterscheiden sich in Herkunft, Kontext und Schadensausmass, eine Klassifikation, die ich für dringend notwendig halte. 

1 Der Ex-Name. Der Klassiker. Der, über den Comedians Witze schreiben und Therapeuten Bücher. Man sagt den Namen des ehemaligen Partners im Gespräch mit dem aktuellen. Das Gehirn hatte gute Gründe, beide sind in der Schublade „wichtigste Person meines Lebens". Die Neurologie versteht es. Der aktuelle Partner meistens nicht, zumindest nicht in der ersten Stunde. Erklärung notwendig. Mehrfach. Mit zunehmendem Detail.

2 Der Mutter-Name. Man ruft den Partner beim Namen der eigenen Mutter. Oder umgekehrt. Das ist weniger häufig, aber legendär in seiner Wirkung. Die Psychologie hat dafür natürlich eine Theorie, Freud hätte sich die Hände gerieben. In der Realität ist es meist schlicht ein Zeichen von Erschöpfung und zu vielen gleichzeitigen Gedanken. Das hilft kurzfristig wenig. Langfristig ist es eine gute Anekdote für Dinner-Gespräche, in etwa zehn Jahren.

3 Der Chef-Name. Im Büro den Chef beim Namen des Kollegen nennen, oder umgekehrt. Weniger emotional aufgeladen als der Ex-Name, aber in seiner Wirkung auf die professionelle Würde nicht zu unterschätzen. Der Chef lächelt meistens. Das Lächeln sagt: Ich habe das gehört. Ich werde es nicht vergessen. Ich werde es vermutlich beim nächsten Teamausflug erwähnen.

4 Der Kinder-Namenssalat. Eltern kennen das. Man hat zwei Kinder, einen Hund und vielleicht eine Pflanze mit Namen. In einem Moment der Erschöpfung, die bei Eltern eigentlich permanent ist, nennt man Kind A beim Namen von Kind B, dem Hund und manchmal der Pflanze, bevor man beim richtigen Namen landet. Die Kinder rollen mit den Augen. Das ist ihr Recht. Es passiert trotzdem wieder.

5 Der Doppelgänger-Fehler. Man trifft eine neue Person, die exakt denselben Namen hat wie jemand aus der Vergangenheit und nennt sie plötzlich, in einem unaufmerksamen Moment, beim falschen Nachnamen. Oder beim Namen eines Menschen, mit dem man die Person unterbewusst verbindet. Das andere Gesicht: irritiert, fragend, leicht beunruhigt. Man erklärt. Es klingt nicht überzeugend. Es war aber wirklich nur das Gehirn. 

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"Der falsche Name ist kein Verrat. Er ist ein Fenster. Ein kurzer, ungewollter Einblick in die Architektur des eigenen Inneren und manchmal sieht man dabei Dinge, die man selbst noch nicht wusste. "

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Und jetzt der Teil, der bleibt. Der Teil nach dem Lachen.
Der falsche Name ist peinlich. Er ist lustig, im Nachhinein, in der richtigen Gesellschaft, mit genug zeitlichem Abstand. Aber er ist auch etwas anderes: Er ist einer der wenigen Momente, in denen das Unbewusste laut wird. In denen das Gehirn, dieses höfliche, kontrollierte, sozial trainierte Organ, kurz die Maske fallen lässt und zeigt, was wirklich dort liegt. Welche Namen. Welche Verbindungen. Welche Gefühle, die man vielleicht längst für abgelegt hielt.
Ich denke an das eine Mal. Ich denke daran, was der Name, den ich sagte, bedeutete. Nicht was er über die Person verriet, die ich ansprach, sondern was er über mich verriet. Über etwas, das ich noch trug, ohne zu wissen, dass ich es noch trug. Der falsche Name war kein Fehler. Er war ein Hinweis. Ein vom Gehirn ungefragt verschickter Brief an mich selbst: Hier ist noch etwas. Das ist noch nicht fertig.
Das ist das Unheimliche und gleichzeitig das Tröstliche an diesem Phänomen. Man kann sich nicht vollständig kontrollieren. Man kann üben, vorbereiten, planen, korrigieren und dann sagt das Gehirn in einem unachtsamen Moment einen Namen, und die ganze sorgfältig konstruierte Oberfläche bekommt einen Riss. Nicht weil man schwach ist. Sondern weil man menschlich ist. Weil im Inneren immer mehr passiert als aussen sichtbar wird.

 
Dennis,  natürlich Dennis, der mittlerweile in jeder Kolumne auftaucht wie ein stilles, geduldiges Leitmotiv, hat mir einmal gesagt: „Der schlimmste falsche Name ist der, bei dem du weisst, warum er kam." Er hatte recht. Die Erklärung ist manchmal schwieriger als der Fehler selbst. Nicht weil der andere Mensch sie nicht versteht. Sondern weil man sie sich selbst erklären muss.
Und wenn man das getan hat, wenn man ehrlich hingeschaut hat, warum das Gehirn genau diesen Namen in genau diesem Moment wählte, dann ist der falsche Name vielleicht einer der nützlichsten Fehler, die man machen kann. Er zeigt einem, wo man steht. Was noch offen ist. Was noch bearbeitet werden will.
Das macht ihn nicht weniger peinlich. Die Stille bleibt die Stille. Die sieben Sekunden bleiben sieben Sekunden.
Aber vielleicht, vielleicht, lohnt es sich, in diese Stille hineinzuhorchen. Statt sie so schnell wie möglich zuzureden. 

 KOLUMNE · MENSCHLICHE ABGRÜNDE 

Achselschweiss im falschen Moment. 

Ein feuchtes Protokoll ohne Happy End

Über den Körper, der immer dann versagt, wenn man ihn am dringendsten braucht. Über weisse Hemden, Vorstellungsgespräche, erste Dates und die unfassbare Physik des Schwitzens. Und über die Frage, ob man dem eigenen Körper jemals wirklich vertrauen kann. 

 Copyright Michael Kopytko  ·  11.06. 2026 

 

Ich stand vor dem Spiegel. Weisses Hemd, frisch gebügelt, noch warm vom Bügeleisen, der Kragen perfekt. Wichtiges Meeting. Grosse Präsentation. Ich war vorbereitet, ich war ausgeschlafen, ich fühlte mich, kurz gesagt, bereit. Die Präsentation sass. Die Zahlen stimmten. Der Kaffee war gut. Und dann, dann hob ich den Arm, um meinen Rucksack zu schultern, und sah es. Im Spiegel. Unmissverständlich. Unbestreitbar. Ein dunkler, ausladender, mit einer Grausamkeit geformter Fleck unter meiner linken Achsel, der in seiner Grösse und Präzision nur als geologisches Ereignis bezeichnet werden kann. 

 Das Meeting begann in vierzig Minuten. Das nächste Hemd hing im Schrank. Es war nicht weiss. Es war nicht gebügelt. Es war auch nicht besonders überzeugend. Ich stand da, den Arm merkwürdig vom Körper abgespreizt wie eine schlecht gelungene Vogelscheuche, und versuchte, durch reinen Willen den Schweiss zurückzudrängen. Natürlich half das nicht. Der Körper lachte, metaphorisch, und produzierte noch etwas mehr. 

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 Beginnen wir wieder mit der Biologie, die uns diesmal keine grosse Tröstung bringen wird, aber zumindest Kontext. Der Mensch hat zwischen zwei und vier Millionen Schweissdrüsen. Zwei bis vier Millionen. Die Achseln beherbergen dabei eine besonders hohe Dichte an sogenannten apokrinen Drüsen, das sind jene, die nicht nur Wasser und Salz abgeben, sondern auch Eiweissverbindungen und Fettsäuren. Diese werden von Hautbakterien zersetzt. Das Ergebnis ist das, was wir kennen. Die Natur ist effizient. Die Natur ist auch, in diesem Fall, wenig diskret. 


 

Was der Körper weiss, was wir nicht wahrhaben wollen

Der menschliche Körper produziert täglich bis zu einen Liter Schweiss, bei körperlicher Belastung oder Hitze deutlich mehr. Schweiss selbst ist geruchslos; der Geruch entsteht erst durch Bakterien auf der Haut.
Interessant: Stress-Schweiss unterscheidet sich chemisch von Hitze-Schweiss. Er enthält mehr Eiweisse und Fette und ist damit bakteriell ergiebiger. Anders gesagt: Je nervöser man ist, desto intensiver die Wirkung. Der Körper bestraft Nervosität. Das ist evolutionär vermutlich irgendwie sinnvoll. Im Vorstellungsgespräch fühlt es sich nicht so an.
Weisse Kleidung ist der natürliche Feind des Schwitzers, nicht weil der Fleck dort dunkler aussieht, sondern weil Aluminium aus Deodorants mit Schweiss reagiert und gelbe Verfärbungen erzeugt. Die wahre Ironie: Das Deodorant, das helfen soll, erschafft das sichtbarste aller Probleme.
Stress-Schweiss unterscheidet sich chemisch. Das fand ich, als ich das zum ersten Mal las, zutiefst unfair. Der Körper hat also ein spezielles Protokoll für genau die Momente, in denen man am wenigsten schwitzen möchte. Vorstellungsgespräch? Besonderer Schweiss. Erstes Date? Besonderer Schweiss. Präsentation vor dem Senior Management? Besonderer Schweiss. Der Körper erkennt die Situation, registriert die Bedeutung, und reagiert mit dem Gegenteil von dem, was man bräuchte. Das ist keine Fehlfunktion. Das ist Design. 

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 Die schlimmsten Momente verdienen eine Würdigung. Ich präsentiere: die sieben Kreise des Achselschweisses, geordnet nach dem Ausmass der sozialen Katastrophe. 

  

1 Das Vorstellungsgespräch. Man sitzt. Man lächelt. Man erklärt, warum man die beste Wahl für diese Stelle ist. Und gleichzeitig spürt man, mit einer Präzision, die fast bewundernswert ist, wie sich unter dem frisch gebügelten Hemd eine Feuchtigkeit ausbreitet, die mit jedem Satz grösser wird. Das Schlimmste: Man weiss, dass Nervosität mehr Schweiss produziert. Also denkt man daran, nicht daran zu denken. Was noch mehr Nervosität erzeugt. Was noch mehr Schweiss erzeugt. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gibt. 

2 Das erste Date. Man hat sich Mühe gegeben. Man riecht gut, zumindest anfangs. Man trägt das beste Shirt. Und dann lacht man zu laut über einen Witz, oder man hält die Tür auf und streckt den Arm aus, und in diesem einen Moment der Unvorsichtigkeit geschieht es. Man sieht den Blick des anderen, kurz, höflich abgewendet, aber man hat es gesehen. Man trägt von diesem Moment an den Arm leicht angewinkelt. Den ganzen Abend. Es ist unbequem. Man tut so, als wäre es normal.

 
3 Die Präsentation. Man steht. Man zeigt Folien. Man erklärt Dinge. Man hebt den Arm, um auf die Leinwand zu zeigen und hört im selben Moment das innere Alarmsystem des eigenen Körpers. Zu spät. Der Arm zeigt trotzdem. Die Präsentation läuft weiter. Man wählt von diesem Moment an, nur noch mit der anderen Hand zu zeigen. Oder gar nicht mehr zu zeigen. Man entwickelt einen neuen Präsentationsstil: armneutral, statisch, mit minimaler Gestik. Ein neues Genre. 

 
4 Die Umarmung. Jemand, den man seit Jahren nicht gesehen hat, kommt auf einen zu. Die Freude ist echt. Die Umarmung ist herzlich. Und in dem Moment, in dem man die Arme hebt, denkt man: bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht. Man umarmt trotzdem. Weil man ein Mensch ist, und Menschen umarmen sich. Man hält es kurz. Man tritt einen halben Schritt zurück. Man hofft. 

 
5 Das Hochzeitshemd / das Abendkleid. Der formalste Anlass des Jahres. Die teuerste Kleidung, die man besitzt. Die einzige Situation, in der Fotos gemacht werden, die man in zwanzig Jahren noch anschaut. Und natürlich, natürlich, ist es ein warmer Tag, die Kirche ist schlecht belüftet, und man steht seit einer Stunde in der Sonne. Man sieht die Bilder später. Man entwickelt eine neue Lieblingspose: Arme immer unten, leicht seitlich gedreht, lächeln.

6 Das Linenblazer-Fiasko. Man kauft einen hellen Leinenblazer. Man weiss, dass Leinen atmet. Man denkt: dieses Mal. Und dann trägt man ihn zum ersten Mal an einem wichtigen Tag und entdeckt, dass Leinen zwar atmet, aber Schweissränder mit einer Auflösung wiedergibt, die man von einem Drucker nicht besser hinbekäme. Man trägt den Blazer ein einziges Mal. Er hängt seitdem im Schrank. Man schaut ihn manchmal an. Er schaut zurück.

7 Der Moment, in dem man es selbst riecht. Das ist der siebte Kreis. Nicht der Fleck, der Fleck ist sichtbar, aber lokalisierbar. Sondern der Moment, in dem man einen Hauch von sich selbst wahrnimmt, in einem vollen Raum, und nicht sicher ist: Bin ich das? Oder ist es jemand anderes? Man hofft inständig: jemand anderes. Man weiss: man selbst. Man bewegt sich unauffällig in Richtung Fenster. 

 

 Im Laufe der Jahre habe ich einen persönlichen Krisenplan entwickelt. Nicht als Ratgeber, das bin ich nicht. Sondern als ehrliche Bestandsaufnahme der Strategien, die ich ausprobiert habe. Manche halfen. Manche nicht. Alle entstanden aus echter Not.

 

Feldhandbuch: Achselschweiss-Krisenmanagement

Der Handtrockner-Trick. Auf der Toilette, Hemd leicht angehoben, Handtrockner auf maximale Temperatur. Wirkungszeit: ca. 90 Sekunden. Hält: ca. 20 Minuten. Kollateralschaden: Jemand kommt rein und sieht einen. Man erklärt es nicht. Man wäscht sich demonstrativ die Hände und geht.


Die Farb-Strategie. Schwarz zeigt nichts. Navy zeigt nichts. Dunkelgrau zeigt nichts. Weiss zeigt alles. Hellblau zeigt alles. Grau zeigt es auf eine besonders dramatische Weise. Diese Erkenntnis hat meinen Kleiderschrank dauerhaft verändert. Ich trage heute 80 % Dunkel.

Das Unterhemd als stilles Martyrium. Es saugt auf. Es schützt das Oberhemd. Es ist im Sommer eine Zumutung und im Winter eine Notwendigkeit. Das Unterhemd ist der unbesungene Held des Kleiderschranks. Es opfert sich, damit das Hemd überleben kann.


Die Klimaanlage als Verbündete. Man kennt die kältesten Räume im Büro. Man arrangiert Meetings entsprechend. Man ist der Mensch, der immer einen Sitzplatz neben der Lüftung wählt. Kollegen wundern sich. Man erklärt es nicht.


Die mentale Kühlung. Man versucht, ruhig zu bleiben. Man denkt an Gletscher, an Bergbäche, an kühle Morgen im Oktober. Das hilft genau so viel, wie man erwartet. Also: wenig. Aber es fühlt sich gut an, es versucht zu haben. 

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"Der Körper schweisst nicht, um uns zu demütigen. Er schweisst, weil er uns liebt. Er kühlt uns. Er schützt uns. Er tut genau das, wofür er gebaut wurde, nur leider immer dann, wenn wir es am wenigsten gebrauchen können. "

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Und hier ist die Wendung. Die, die ihr schon erwartet. Weil jede Kolumne dieser Reihe eine hat.
Der Achselschweiss ist peinlich. Und gleichzeitig ist er das ehrlichste Zeichen dafür, dass einem etwas wichtig ist. Man schwitzt nicht beim Fernsehen. Man schwitzt nicht beim Mittagsschlaf. Man schwitzt beim Vorstellungsgespräch, beim ersten Date, bei der Präsentation, bei der Umarmung des Menschen, den man lange nicht gesehen hat. Man schwitzt, weil es zählt. Weil der Körper versteht, was auf dem Spiel steht, und alle Register zieht, auch jene, die man lieber geschlossen hätte.
Es gibt eine Geschichte, die mir Dennis einmal erzählt hat. Sein erstes Vorstellungsgespräch nach dem Studium. Wichtige Stelle. Grosses Büro. Er war so nervös, dass er im Wartezimmer sass und spürte, wie das weisse Hemd unter dem Blazer feucht wurde. Er dachte kurz daran, zu gehen. Einfach aufzustehen und zu verschwinden. Stattdessen zog er den Blazer aus. Legte ihn über den Stuhl. Ging ins Gespräch im feuchten Hemd. Offen. Ohne Verstecken.
Er hat die Stelle bekommen.
Ich denke manchmal daran, wenn ich wieder vor dem Spiegel stehe, Arm merkwürdig vom Körper abgespreizt, und die Zeit tickt. Vielleicht ist die Antwort nicht das bessere Hemd, nicht der stärkere Deo, nicht die dunklere Farbe. Vielleicht ist die Antwort: einfach hingehen. Mit dem Fleck. Mit dem Beweis, dass man sich sorgt. Mit dem körperlichen Zeugnis dafür, dass dieser Moment für einen zählt. 

Das Hemd an jenem Morgen habe ich übrigens gewechselt. Dunkelblaues Ersatzhemd, nicht ideal, aber trocken. Das Meeting lief gut. Niemand hat etwas gesagt.
Aber ich werde das weisse Hemd nicht wegwerfen. Es hängt im Schrank. Es erinnert mich daran, dass ich an diesem Morgen nervös war und trotzdem gegangen bin.
Das ist genug. 

 KOLUMNE · MENSCHLICHE ABGRÜNDE 

Schnarchen. 

Ein Nachtprotokoll in mehreren Akten

 Über die lauteste Art zu schlafen. Über Menschen, die es tun und es nicht wissen. Über Menschen, die daneben liegen und es sehr wohl wissen. Und über die Frage, ob Liebe wirklich alles übersteht oder ob sie spätestens um 3:17 Uhr ihre Grenzen kennt. 

 Copyright Michael Kopytko  ·  04.06. 2026 

 

Es war 2:43 Uhr morgens. Ich lag wach. Die Decke zu warm, das Kissen zu flach, der Gedanke an den nächsten Tag schon im Anmarsch und dann, als wäre das alles nicht genug, dieser Laut. Dunkel. Rhythmisch. Mit einer Regelmässigkeit, die fast beruhigend wäre, wenn sie nicht gleichzeitig das lauteste Geräusch im Zimmer wäre. Dennis schlief. Dennis schlief sehr, sehr gut. Dennis schlief mit der unerschütterlichen Zufriedenheit eines Menschen, der keinerlei Ahnung hat, was er gerade anrichtet. Sein Gesicht: friedlich. Sein Atem: tief. Sein Schnarchen: episch. 

Ich schaute ihn an. Dann schaute ich die Decke an. Dann schaute ich wieder ihn an. Und ich dachte, mit der glasklaren Logik des chronisch Schlafentzogenen: Wie kann ein Mensch so vollständig glücklich aussehen, während er mein Leben ruiniert?
Heute Nacht: das Schnarchen. Das letzte grosse Tabu nicht des Tages, sondern der Nacht. Das Problem, das Paare schweigend ertragen, Hotelgäste höflich ignorieren und Eltern stoisch hinnehmen und über das trotzdem kaum jemand offen spricht. Bis jetzt. 

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Fangen wir, wie immer, mit dem Körper an. Weil der Körper unschuldig ist, er weiss nicht, was er tut. Schnarchen entsteht, wenn die Muskeln im Rachen und Gaumen im Schlaf entspannen und das Gewebe zu vibrieren beginnt, sobald Luft hindurchströmt. Es ist, biologisch gesehen, der reinste Ausdruck von Entspannung. Der Körper ist so tief im Schlaf, so vollständig losgelassen, dass er buchstäblich anfängt zu vibrieren vor Ruhe. Schnarchen ist, im Grunde, der Klang von absolutem Frieden. Nur eben sehr laut.


 

 Was die Nacht über uns verrät 

Rund 44 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen schnarchen regelmässig. Mit zunehmendem Alter steigen die Zahlen, bei den über 60-Jährigen schnarcht die Mehrheit. Das Schnarchen ist also statistisch gesehen die Norm, nicht die Ausnahme.
Der Lärm kann bis zu 90 Dezibel erreichen, das entspricht einem Presslufthammer. Der offizielle Weltrekord liegt bei 93 Dezibel, gemessen 1993 bei Kare Walkert aus Schweden. Sie schnarcht lauter als ein Motorrad. Das Guinness-Buch hat das festgehalten. Die Ehe hat es, soweit bekannt, überlebt.
Schnarchen kann ein Hinweis auf Schlafapnoe sein, ein ernstes medizinisches Thema, bei dem die Atmung im Schlaf wiederholt aussetzt. Wer also laut und unregelmässig schnarcht, sollte das ärztlich abklären lassen. Das ist kein Spass. Das ist Gesundheit. 


90 Dezibel. Ich möchte kurz bei dieser Zahl verweilen. Das ist lauter als ein vorbeifahrendes Motorrad. Das ist lauter als die meisten Konzerte, für die ich Ohropax tragen würde. Das ist ein Lärmpegel, der in Fabrikhallen arbeitsrechtlich geregelt ist und er entsteht im Schlafzimmer. Im intimsten Raum des Lebens. Zwischen zwei Menschen, die sich (meistens) lieben. 

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Nun möchte ich euch ein Dokument vorlegen. Ein Protokoll. Rekonstruiert aus Erinnerungen, die ich so gerne vergessen würde, es aber nicht kann, weil Schlafentzug das Gedächtnis auf eine grausame Weise schärft. 

 

 

Nachtprotokoll: Ein exemplarischer Dienstag


22:45

Ins Bett. Entspannt. Morgen ist ein früher Tag, aber das schafft man. Gute Nacht, Dennis.


23:02

Erstes leises Grummeln. Ignorierbar. Vielleicht hört es auf.


23:18

Es hört nicht auf. Sanftes Stupsen an der Schulter. Kurze Unterbrechung. Hoffnung.


23:21

Hoffnung war verfrüht.


00:05

Kopfkissen über das eigene Gesicht gelegt. Akustische Wirkung: minimal. Erstickungsrisiko: moderat.


01:30

Philosophische Phase. Warum existiert Lärm? Was ist Stille? Hätte ich Ohropax kaufen sollen? Ja. Ja, ich hätte.


02:43

Ins Wohnzimmer geschlichen. Sofa. Decke. Stille. Der erste echte Frieden dieser Nacht.


07:15

Dennis betritt die Küche, frisch und ausgeruht. „Hast du gut geschlafen?" Er meint es ernst. Er weiss es wirklich nicht. 

  

Das Absurdeste an diesem Protokoll ist der letzte Eintrag. Er weiss es wirklich nicht. Das ist das Herzstück des Schnarchens als soziales Phänomen: Die Person, die schnarcht, schläft tief und prächtig, während die Person daneben die dunkle Nacht der Seele durchlebt. Es gibt keine andere menschliche Handlung, bei der die Auswirkung so vollständig von der Ursache getrennt ist. Der Schnarcher ist Täter und Unschuldiger in einem.  

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"Der Schnarcher schläft den Schlaf der Gerechten. Die Gerechtigkeit liegt dabei ausschliesslich im Auge des Schläfers. "

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 Die Taxonomie. Natürlich. Das Schnarchen verdient ihre eigene.

1 Der Säger.
Gleichmässig. Rhythmisch. Fast musikalisch. Man könnte ihn als Metronom benutzen. Der Säger ist in gewisser Weise der erträglichste Typ, weil er berechenbar ist. Man weiss, was kommt. Man kann sich dagegen wappnen. Ohropax rein, weisses Rauschen an, Frieden schliessen. Irgendwie.

2 Der Unterbrecher. Stille. Kurze, täuschende Stille und dann, gerade wenn man denkt, es ist vorbei, gerade wenn sich die Schultern entspannen und die Augen schwer werden: ein neuer Ausbruch, lauter als je zuvor. Der Unterbrecher ist heimtückisch. Er lässt einem Hoffnung wachsen, um sie unmittelbar zu zerstören. Er ist der Cliffhanger unter den Schnarchern.

3 Der Dramatiker. Nicht nur laut, sondern expressiv. Mit Crescendo und Diminuendo. Mit plötzlichen Höhepunkten, die einen aus dem Halbschlaf reissen wie eine Alarmanlage. Der Dramatiker schnarcht mit einer emotionalen Bandbreite, die Schauspieler im Wachzustand selten erreichen. Man weiss nie, was als Nächstes kommt. Das ist erschöpfend und irgendwie auch ein bisschen beeindruckend.

4 Der Verleugner. Nicht ein Schnarcher-Typus, sondern eine Reaktion. Das ist die Person, der man am nächsten Morgen erzählt, was passiert ist und die aufrichtig, vollständig, felsenfest überzeugt ist: „Ich schnarche nicht." Mit einer Überzeugungskraft, die man nur als beeindruckend bezeichnen kann. Der Verleugner ist nicht böswillig. Er schläft einfach so tief, dass die Nacht für ihn eine andere war als für alle anderen im Zimmer.

5 Der Bekehrte. Derjenige, dem man endlich eine Aufnahme vorspielt. Smartphone, mitten in der Nacht aufgenommen, mit zitternder Hand und dem stillen Triumph des chronisch Schlafentzogenen. Der Moment, in dem der Schnarcher sich selbst hört, ist einer der aufrichtigsten Momente menschlicher Überraschung. Das Gesicht: ungläubig. Die Reaktion: „Das bin ich?" Ja. Das bist du. Herzlich willkommen in der Realität. 


Und nun, der Ernst. Der echte, ungeschminkte Ernst hinter diesem Text, den ich immer dann hervorhole, wenn ich das Lachen kurz beiseitelege.
Das Schnarchen ist lustig. Und gleichzeitig ist es ein Test. Ein stiller, nächtlicher Test dafür, was eine Beziehung trägt. Denn es geht, wenn man ehrlich ist, nicht um den Lärm. Es geht darum, was man mit dem Lärm macht. Ob man den anderen anschreit oder stupst. Ob man das Sofa wählt oder bleibt. Ob man am Morgen darüber lacht oder schweigt. Ob man Ohropax kauft, weil man verstanden hat: Das hier ist nicht Absicht. Das hier ist ein Körper, der schläft.
Ich habe das Sofa gewählt, in jener Nacht. Und in einigen anderen Nächten auch. Nicht als Protest. Als Kompromiss. Als stille Vereinbarung, dass ich meinen Schlaf brauche und Dennis seinen. Dass Liebe manchmal bedeutet, zwei Meter Abstand zu schaffen, damit man sich am Morgen noch in die Augen schauen kann. 

 

 Ich habe Dennis irgendwann die Aufnahme vorgespielt. Sein Gesicht war das Gesicht des Bekehrten, Typ Nummer fünf, falls ihr mitgezählt habt. Ungläubig, dann amüsiert, dann leicht beschämt. Er schläft jetzt auf der Seite. Es ist besser geworden.
Aber manchmal, an ruhigen Nächten, wenn das Zimmer still ist, fehlt mir das Schnarchen ein kleines bisschen. Nicht der Lärm. Sondern das, wofür er stand: ein Mensch, der sich so vollständig sicher fühlt neben mir, dass sein Körper einfach loslässt. Tief und laut und ohne jede Kontrolle.
Das ist, wenn man es so betrachtet, das grösste Vertrauenszeichen, das ein schlafender Mensch geben kann.
Auch wenn es um 2:43 Uhr verdammt schwer zu schätzen ist. 

 KOLUMNE · MENSCHLICHE ABGRÜNDE 

Pupsen. 

Eine vollständige Würdigung

Über das lauteste Schweigen der Menschheitsgeschichte. Über die Kunst des kontrollierten Wegschauens. Über Dennis, der es war und es natürlich nicht gewesen ist. 

 Copyright Michael Kopytko  ·  28.05. 2026 

 

Neulich sass ich in einem Meeting. Zwölf Personen um den Tisch, Präsentation läuft, jemand erklärt gerade eine Grafik über Q2-Ergebnisse und dann passiert es. Leise. Fast zögerlich. Ein Geräusch, das sich in die Stille schiebt wie ein ungebetener Gast, der trotzdem irgendwie weiss, dass er dazugehört. Alle hören es. Niemand schaut auf. Die Präsentation läuft weiter. Die Grafik dreht sich. Und zwölf Erwachsene, ausgebildete Fachkräfte, manche mit Doktortitel, manche mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, alle tun kollektiv und simultan so, als wäre absolut gar nichts passiert. Das ist Zivilisation. Das ist menschliche Gesellschaft in ihrer reinsten, fragilsten, absurdesten Form.
Ich schreibe diese Kolumne in der Tradition meiner bisherigen Texte über die ehrlichsten Momente des Lebens. Das Toilettenpapier, das fehlt. Die Nase, in der man bohrt. Und jetzt das. Das Pupsen. Der Furz. Die Windabgabe. Es gibt kein Wort dafür, das nicht sofort lacht oder sich entschuldigt und genau das sagt uns schon alles. 

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Fangen wir mit der Biologie an, denn die ist auf unserer Seite. Der menschliche Körper produziert täglich zwischen 0,5 und 1,5 Liter Gas. Das ist keine Wahl. Das ist Physik. Das ist Chemie. Das ist der unvermeidliche Nebeneffekt davon, dass wir essen, verdauen und am Leben sind. Wer nicht pupst, isst nicht. Wer nicht isst, lebt nicht. Der Furz ist, in einem sehr realen Sinne, ein Lebenszeichen.

 Was die Wissenschaft weiss und nicht verschweigen sollte
Der Durchschnittsmensch pupst zwischen 14 und 25 Mal pro Tag. Das sind bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren ungefähr 584'000 Mal, konservativ gerechnet. Eine halbe Million Mal. Man könnte damit ein kleines Buch füllen. Oder diese Kolumne.
Das Gas besteht hauptsächlich aus Stickstoff, Wasserstoff, Kohlendioxid und Methan. Nur rund ein Prozent enthält schwefelhaltige Verbindungen und genau dieses eine Prozent ist für den Geruch verantwortlich. Die Natur ist unfair, aber konsequent.
Interessant: Frauen und Männer pupsen gleich oft. Frauen erzeugen sogar durchschnittlich konzentriertere Gase. Das Internet weiss das. Und jetzt wisst ihr es auch.


Aber Biologie ist das Eine. Das Soziale ist das Andere. Und da wird es interessant, nein, da wird es dramatisch. 

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Es gibt Phasen in einer Beziehung, die wichtiger sind als der erste Kuss, der erste gemeinsame Urlaub, das erste gemeinsame Wohnen. Es gibt den Moment, der über alles entscheidet. Den Moment des ersten Pupsens. Ich spreche nicht von dem versehentlichen, peinlich überspielten Vorfall nach drei Wochen Beziehung, den beide so schnell wie möglich vergessen. Ich spreche von dem bewussten ersten Furz. Dem Furz, der sagt: Ich bin jetzt so entspannt mit dir, dass mein Körper aufgehört hat, Theater zu spielen. 
Bei Dennis und mir, ich muss das erwähnen, denn Dennis ist inzwischen der heimliche Hauptcharakter aller meiner Kolumnen, war dieser Moment unspektakulär und deshalb perfekt. Wir sassen auf dem Sofa. Film lief. Und dann. Ich schaute ihn an. Er schaute mich an. Kurze Pause. Und dann lachten wir beide so laut, dass der Nachbar klopfte. Das war der Moment, in dem ich wusste: Das ist er. Nicht der erste Kuss. Nicht das erste „Ich liebe dich". Der Furz. Der ehrlichste Beweis von Vertrauen, den zwei Menschen sich geben können. 

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 Aber lassen wir die Romantik kurz beiseite und widmen uns dem, was ich die grosse Taxonomie des Pupsens nenne. Denn wie beim Popeln gibt es auch hier keine Einheitsgrösse. Es gibt Typen. Charaktere. Jeder mit einer eigenen sozialen Signatur. 


1. Der Stille. Auch bekannt als SBD, Silent But Deadly. Er kündigt sich nicht an. Er ist leise wie ein Diplomat und verheerend wie eine Naturkatastrophe. Der Stille ist die grösste Herausforderung für die soziale Ordnung, weil die Täterschaft nicht ermittelt werden kann. Im Büro entsteht eine eigenartige kollektive Schuld. Alle schauen niemanden an. Alle denken an alle anderen. Es ist die perfekte demokratische Verweigerung der Verantwortung. 

 2. Der Performative. Laut. Selbstbewusst. Mit einem Timing, das man fast bewundern muss. Der Performative kommt meistens von jemandem, der sich sehr sicher fühlt, im eigenen Zuhause, unter Freunden, in Gesellschaft von Menschen, die man schon so lange kennt, dass Würde keine Rolle mehr spielt. Der Performative ist eigentlich eine Liebeserklärung: Ich fühle mich so wohl mit euch, dass mein Körper singt. 

 

3.  Der Kontrollverlust. Man lacht zu laut. Man niest zu heftig. Man hebt etwas Schweres. Und dann: Überraschung. Der Körper hat entschieden, ungefragt mitzumachen. Das Gesicht der betroffenen Person in diesem Moment ist eines der ehrlichsten Gesichter, die ein Mensch machen kann. Entsetzen, Belustigung und Resignation in einem einzigen Ausdruck vereint. 


4. Der Strategische. Im Fahrstuhl, kurz bevor man aussteigt. Im Grossraumbüro, mit kasuistischer Präzision platziert, bevor man in die Sitzung geht. Beim Vorbeigehen an einem unliebsamen Kollegen. Der Strategische ist der Furz als Aussage. Als kleines, geruchliches Manifest. Man sagt nichts. Man hinterlässt trotzdem einen Eindruck. 


5. Der Tierische. Das Haustier. Die Katze, die neben einem liegt und plötzlich, ohne jede Vorwarnung, ohne jede Scham, ohne jedes Bewusstsein für soziale Normen, pupst und danach entspannt weiterschläft. Das Haustier ist in dieser Hinsicht unser Lehrer. Es schämt sich nicht. Es entschuldigt sich nicht. Es existiert einfach, vollständig und ohne Kompromisse. Manchmal beneide ich die Katze. 

  

Und nun, wie immer in dieser Kolumnenreihe, der Moment, in dem ich zugebe, dass hinter dem Lachen etwas anderes steckt. Denn das Pupsen ist lustig. Und gleichzeitig ist es ein Spiegel.

Wir leben in einer Kultur der Perfektion. Der kontrollierten Aussenwirkung. Der professionellen Selbstdarstellung. Wir cutten unsere Onlineidentitäten, wir trainieren unsere Körper, wir wählen unsere Worte, wir kontrollieren unsere Reaktionen. Wir sind permanent damit beschäftigt, eine Version von uns zu sein, die funktioniert, die beeindruckt, die keine Angriffsfläche bietet.
Und dann pupst man im Meeting.
Und nichts davon spielt noch eine Rolle. 

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"Der Körper ist das Ehrlichste, was wir haben. Er lügt nicht. Er lässt sich nicht cutten. Er postet nicht nur die guten Momente. "

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 Ich finde das tröstlich. Wirklich. In einer Welt, in der so vieles konstruiert ist, ist der Furz ein kleines, lautes, riechbares Stück Realität. Er erinnert uns daran, dass wir Körper sind, bevor wir Marken sind. Dass wir Tiere sind, bevor wir Professionals sind. Dass aller Aufwand, den wir betreiben, um kontrolliert und geformt und beherrschbar zu wirken, letztlich begrenzt ist. Der Körper macht, was er muss. Und meistens macht er es im unpassendsten Moment. 

 

Zurück zum Meeting. Die Präsentation endete. Die Grafik verschwand vom Bildschirm. Wir gingen alle unserer Wege. Niemand hat je darüber gesprochen. Wer es war? Bis heute unbekannt. Ich habe meinen Verdacht, aber das nehme ich mit ins Grab.
Was ich nicht vergessen habe, ist das Gefühl in diesem Raum danach. Diese seltsame, stille Complicité. Dieses gemeinsame Wissen, das uns alle für einen kurzen Moment von unseren Rollen befreit hat. CEO, Praktikant, Abteilungsleiterin, in diesem Moment waren wir alle gleich. Alle Menschen. Alle mit einem Körper, der manchmal Dinge tut, die man nicht plant.
Das ist der eigentliche Wert des Pupsens. Nicht die Erleichterung, obwohl die real ist. Nicht der Lacher, obwohl der heilsam ist. Sondern diese kurze, involuntäre Erinnerung daran, dass wir alle im selben Boot sitzen. Oder im selben Meetingraum. Mit denselben Körpern. Denselben Bedürfnissen. Derselben lächerlichen, wunderbaren, unvollkommenen Menschlichkeit.
In diesem Sinne: Atmet aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. 

 KOLUMNE · MENSCHLICHE ABGRÜNDE 

Rülpsen. 

 Über das lauteste Lebenszeichen des menschlichen Körpers. Über Kulturen, die es als Kompliment verstehen. Über Dennis, der beim ersten gemeinsamen Abendessen rülpste. Und warum das der romantischste Moment unserer Beziehung war. 

Copyright Michael Kopytko  ·  21.05. 2026 

Es war ein Dienstagabend. Erstes gemeinsames Kochen bei mir zuhause, Dennis und ich, drei Monate in die Beziehung, die Phase also, in der man noch leicht auf Zehenspitzen geht. Man achtet auf alles. Man lacht ein bisschen zu hell über Witze, die nur mittelmässig sind. Man wählt die Worte. Ich hatte Pasta gemacht, mit selbst gemachter Tomatensauce, Basilikum, dem ganzen Programm. Wir sassen da, die Stimmung war gut, Dennis trank einen Schluck Wasser und dann, dann kam es. Laut. Kernig. Unvermittelt. Ein Rülpser von einer Qualität und Überzeugungskraft, die man nur als barock bezeichnen kann. Zwei volle Sekunden. Vielleicht zweieinhalb. 
Stille. Dennis schaute mich an. Die Entschuldigung formte sich bereits auf seinen Lippen,  ich sah es. Aber bevor er sprechen konnte, brach ich zusammen. Nicht vor Ekel. Vor Lachen. Echtem, unkontrolliertem, Tränen-in-den-Augen-Lachen. Und in diesem Moment,  mit Tomatensauce auf dem Tisch, einem Rülpser in der Luft und zwei Menschen, die lachten wie Kinder, wusste ich, dass diese Beziehung etwas Echtes war. 

 Das Rülpsen. Die unterschätzteste Äusserung des menschlichen Körpers. Die lauteste, die direkteste, die am wenigsten entschuldigbare und gleichzeitig die ehrlichste. Es ist Zeit, ihr einen Text zu widmen. 
Beginnen wir, wie immer, mit dem Körper. Weil der Körper sich nicht schämt, und wir das auch nicht sollten. Das Rülpsen, medizinisch Eruktation, was klingt wie eine vulkanische Aktivität und das auch durchaus treffend beschreibt, entsteht, wenn Luft aus dem Magen über die Speiseröhre entweicht. Diese Luft gelangt durch Essen, Trinken, Schlucken in den Körper. Manchmal hilft auch Kohlensäure. Der Körper hat keine Wahl. Er muss die Luft irgendwo lassen. 

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Was man über Rülpsen wissen sollte

Der Fachbegriff lautet Eruktation, vom lateinischen eructare, herausbrechen, herausschleudern. Der Name ist, wie man hört, nicht übertrieben.
Der Laut entsteht, wenn Luft die Speiseröhre passiert und dabei das Gewebe zum Vibrieren bringt, ähnlich wie ein Blasinstrument, nur dass niemand dafür geübt hat. Oder vielleicht doch: In Grossbritannien gibt es Rülpswettbewerbe. Japan hat eine informelle Rülps-Kunstszene. Und in der Mongolei gilt ein herzhafter Rülpser nach dem Essen als Zeichen echten Genusses, eine direkte Kompliment an den Koch.
Wir Mitteleuropäer sagen stattdessen: „Entschuldigung." Was kulturell gesehen fast das Gegenteil bedeutet. 

Das finde ich faszinierend. Nicht das Rülpsen selbst, sondern was verschiedene Kulturen daraus gemacht haben. Dieselbe Körperfunktion, völlig gegensätzliche Bedeutungen. In Teilen der arabischen Welt, in China, in manchen afrikanischen Kulturen ist der Rülpser nach dem Essen ein Ausdruck von Wertschätzung. Der Körper sagt dem Koch: Das war gut. Das war reichhaltig. Das hat etwas ausgelöst in mir. Und wir, wir sagen: Entschuldigung, dass mein Körper noch existiert.
Das sagt mehr über uns aus als über den Rülpser. 

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 Für die Akten

109,9 dB

So laut war der offiziell gemessene Rülpser von Paul Hunn aus Grossbritannien, lauter als eine Kettensäge, lauter als ein Presslufthammer, annähernd so laut wie ein Konzert in der ersten Reihe. Das Guinness-Buch hat es festgehalten. Die Menschheit hat einen Rekord, auf den sie nicht vorbereitet war. 

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109,9 Dezibel. Ich liess diese Zahl eine Weile auf mich wirken. Das ist lauter als die meisten Dinge, die wir als laut bezeichnen würden. Das ist lauter als Strassenlärm, lauter als ein Motorrad, lauter als das, was ich manchmal in Grossraumbüros als „zu laut" empfinde. Und es kam aus einem Menschen. Aus einem einzelnen, biologischen Menschen, der Luft ass und sie wieder herausgab.  Ich sage das nicht, um zu schockieren. Ich sage es, weil es mich, ganz ehrlich, erfüllt mit einer Art stiller Ehrfurcht. Der menschliche Körper ist ausserordentlich. Er heilt sich selbst, er lernt Sprachen, er liebt, er trauert, er denkt Gedanken über das Universum und er produziert einen 109-Dezibel-Rülpser. Das ist Schöpfung in ihrer ganzen Bandbreite. 

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Nun zur Taxonomie. Treu meiner mittlerweile etablierten Methodik, Popeln hatte vier,  präsentiere ich euch die sechs Charaktere des Rülpsens. Sorgfältig beobachtet. Aus dem Leben.

1. Der Überraschungsrülpser. Er kommt ohne Vorwarnung. Mitten im Satz. Mitten im Meeting. Mitten in einem romantischen Moment. Der Körper entscheidet: Jetzt. Der Betroffene ist der erste Überraschte im Raum. Das Gesicht zeigt einen Ausdruck von genuiner Fassungslosigkeit, gefolgt von einem kurzen, hoffnungslosen Versuch, so zu tun, als wäre es ein Husten gewesen. Niemand glaubt das. Alle tun so, als würden sie es glauben. Das ist höflich. 

 

2. Der Kultivierte. Leise. Diskret. Hinter der Hand abgefangen. Mit sofortigem „Entschuldigung" und einem Blick, der sagt: Ich habe das voll im Griff, das passiert mir eigentlich nicht. Der Kultivierte ist die aufwändigste Variante , er erfordert eine Reaktionszeit von unter einer halben Sekunde und die Hand-Mund-Koordination eines Konzertpianisten. Nicht jeder schafft das. Aber wer es schafft, erntet stillen Respekt. 

 

3.  Der Stolze. Laut. Bewusst. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, der sagt: Das musste raus, und ich bin froh, dass es raus ist. Der Stolze existiert meistens in privaten Räumen, auf dem eigenen Sofa, nach einem sehr guten Essen, in Gesellschaft von Menschen, denen man seit mindestens zehn Jahren vertraut. Manchmal auch spontan in der Öffentlichkeit, was dann ein gewisses Mass an Persönlichkeit verrät. 


4. Der Musikalische. Wer im richtigen Moment den Mund formt, kann einem Rülpser Tonhöhe geben. Ganze Melodien sind möglich. „Happy Birthday" wurde schon gerülpst. „We Will Rock You" auch. Das ist keine Kunst, auf die man in Bewerbungsgesprächen hinweist. Aber es ist eine Kunst. In einer sehr spezifischen, sehr ehrlichen Weise. 

5. Der Kettenrülpser. Einer reicht nicht. Zwei reichen nicht. Es kommt in Wellen, wie Applaus, der nicht aufhören will. Der Kettenrülpser ist meistens Folge von zu viel Kohlensäure oder zu schnellem Essen. Er testet die Geduld der Umgebung und die eigene Fähigkeit, sich nicht in Schadenfreude zu verlieren. 

6. Der Interkulturelle. Man ist zu Gast bei jemandem, dessen Esskultur das Rülpsen als Kompliment versteht. Man weiss das. Man hat sich vorbereitet. Man hat sogar ein bisschen geübt. Und dann, im entscheidenden Moment, produziert man einen kleinen, anämischen, fast unhörbaren Hauch von einem Rülpser und schaut erwartungsvoll in die Runde. Die Gastgeberin nickt höflich. Man hat das Gefühl, versagt zu haben. 

 

Und nun, der Ernst hinter dem Lachen. Denn diese Kolumnenreihe hat immer beides: die Komödie und die Stille dahinter.

Das Rülpsen ist laut. Es ist unmissverständlich. Es ist buchstäblich nicht zu überhören. Und deshalb ist es das Gegenteil von allem, was wir in unserer Gesellschaft gelernt haben zu tun. Wir flüstern unsere Sorgen. Wir schlucken unsere Erschöpfung. Wir lächeln über Schmerz, wir nicken über Ungerechtigkeit, wir sagen „Mir geht's gut" wenn wir meinen „Mir geht's eigentlich ganz und gar nicht gut." Wir sind Meister im Leisewerden.

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"Der Rülpser lügt nicht. Er schluckt nicht zurück. Er ist das, was er ist – laut, unentschuldigt, vollständig er selbst. "

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Manchmal denke ich: Wenn wir so ehrlich wären wie ein Rülpser, wenn wir unsere Erschöpfung so laut äussern würden wie der Körper seine Luft, wenn wir unsere Freude so ungefiltert herausliessen, unsere Trauer so unmittelbar, wären wir vielleicht alle ein bisschen gesünder. Ein bisschen echter. Ein bisschen weniger allein mit dem, was uns wirklich bewegt.
Stattdessen sagen wir: Entschuldigung. Für alles. Immer. 

 

Dennis und ich haben an diesem Dienstagabend weiter Pasta gegessen. Wir haben geredet, gelacht, noch eine Flasche Wasser getrunken. Und irgendwann, natürlich, rülpste er nochmals. Diesmal leiser, fast entschuldigend. Ich schaute ihn an und sagte: „In der Mongolei wäre das ein Kompliment." Er dachte einen Moment nach und meinte: „Dann war das für die Pasta."
Ich habe diesen Satz bis heute nicht vergessen. Nicht weil er witzig war, obwohl er das war. Sondern weil er so vollständig war. Ein Mensch, der sich nicht kleiner macht als er ist. Der seinen Körper nicht versteckt. Der den Moment annimmt, statt ihn wegzuerklären.
Das ist der Mensch, mit dem ich zusammenleben möchte. Nicht jemanden ohne Fehler. Nicht jemanden ohne Rülpser. Sondern jemanden, der rülpst und es der Pasta widmet.
In diesem Sinne: Esst gut. Trinkt mit Genuss. Und wenn der Körper sich meldet, lasst ihn. Er meint es nur ehrlich. 

 KOLUMNE · MENSCHLICHE ABGRÜNDE 

In der Nase popeln. 

Ein Geständnis, eine Verteidigung, eine Liebeserklärung an die vielleicht ehrlichste Geste der Menschheit. Und die Frage, die uns alle verbindet: Wer tut es wirklich nicht?

Copyright Michael Kopytko  ·  14.05. 2026 

Es gibt Momente der absoluten, kristallklaren Ehrlichkeit im Leben. Momente, in denen man kurz aufhört, eine Version von sich selbst zu performen, und einfach nur Mensch ist. Einer dieser Momente ereignet sich, statistisch gesehen mehrmals täglich, wenn man allein in einem Raum ist, die Hand hebt und mit dem Zeigefinger das tut, was die Menschheit seit dem ersten Neandertaler tut, seit dem ersten Homo sapiens, der sich in seiner Höhle zurücklehnte und dachte: Da ist irgendetwas, das muss weg. Das In-der-Nase-Popeln. Das älteste Ritual der Zivilisation. Das geheimste. Das demokratischste.
Ich schreibe das, und ich spüre, wie manche von euch die Stirn runzeln. Micha. Wirklich? Wirklich. Es ist das verbindende Erlebnis der Menschheit. Es ist die grosse Egalisierung. Ob Bundespräsident oder Strassenkehrerin, ob Chirurg oder Kleinkind, alle popeln. Die einen nur mit weniger Zeugen.

 Lassen wir kurz das Offensichtliche hinter uns: Ja, es ist gesellschaftlich verpönt. Ja, man soll es nicht in der Öffentlichkeit tun. Ja, Taschentücher existieren aus gutem Grund. Das alles stimmt. Und trotzdem, trotzdem, ist das Popeln eine der am weitesten verbreiteten menschlichen Verhaltensweisen überhaupt. Eine Studie der University of Wisconsin aus den frühen 1990er-Jahren fand heraus, dass 91 Prozent der Befragten zugaben, regelmässig in der Nase zu bohren. Die anderen neun Prozent logen vermutlich. 

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Wissenschaft spricht Klartext

Der medizinische Fachbegriff lautet Rhinotillexis, vom griechischen rhinos (Nase) und tillein (zupfen, rupfen). Die zwanghafte Form heisst Rhinotillexomanie. Dass es einen Fachbegriff gibt, sagt eigentlich alles: Die Wissenschaft hat dieses Verhalten ernst genug genommen, um ihm einen lateinisch-griechischen Namen zu geben. Das ist die höchste Form akademischer Würdigung. 

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Das Faszinierende ist nicht das Popeln selbst, es ist die kollektive Heuchelei darum. Wir haben eine Gesellschaft gebaut, in der man über Depressionen redet, über Scheidungen, über Burnout, über Gehälter und Sexualleben und Verdauungsprobleme, aber das Wort „popeln" bringt einen noch immer zum Erröten. Wie ist das passiert? Wann haben wir entschieden, dass genau diese eine, völlig natürliche Handlung das letzte grosse Tabu ist?
Ich habe eine Theorie. Es ist nicht das Popeln, das uns stört. Es ist die Unmittelbarkeit. Es ist die Tatsache, dass man dabei erwischt werden kann, und zwar in einem Zustand totaler Unbewachtheit. Wer popelt, hat kurz vergessen, dass er beobachtet werden könnte. Er ist, für diesen einen Augenblick, vollständig er selbst. Kein Auftreten, kein Stil, kein Bewusstsein für den äusseren Blick. Nur Mensch und Nase. Das ist der Grund, warum es so peinlich ist. Nicht wegen der Nase. Wegen der Echtheit.

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 „Wer popelt, lügt in diesem Moment nicht. Das kann man von den meisten anderen Dingen, die Menschen tun, nicht behaupten."
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Ich möchte euch jetzt auf eine kleine Reise mitnehmen. Eine Taxonomie, wenn man so will. Denn das Popeln ist kein untrennbares Ereignis, es gibt Arten, Kategorien, Situationen. Jede mit ihrer eigenen emotionalen Signatur. 


1. Das Reflex-Popeln. Man sitzt im Auto, Ampel rot, Gedanken irgendwo ganz weit weg und plötzlich ist die Hand schon oben. Man hat es nicht beschlossen. Der Körper hat entschieden. Man bemerkt es erst, als man im Augenwinkel sieht, dass der Fahrer im Nachbarauto direkt rüberguckt. Der Blick, der folgt, ist einer der grössten sozialen Abstürze des Alltags. Das Schlimmste: Man kann nicht so tun, als hätte man sich nur an der Nase gerieben. Beide wissen es. 


 2. Das strategische Badezimmer-Popeln. Das ist das Profi-Popeln. Geplant, in Ruhe, mit vollem Bewusstsein und der Gelassenheit eines Menschen, der weiss, was er tut und warum. Keine Scham, keine Eile. Das ist Selbstfürsorge. Das ist Me-Time. Ich bin überzeugt, dass das Badezimmer deshalb als heiliger Rückzugsort gilt, nicht wegen der Dusche, nicht wegen der Wanne. Wegen dieses Momentes. 


 3. Das Notfall-Popeln im Meeting. Man sitzt in einer Besprechung. Alle schauen auf die PowerPoint. Irgendetwas in der Nase fordert sofortige Aufmerksamkeit, man kann sich nicht konzentrieren, man denkt nur noch daran. Also: eine Hand locker ans Gesicht, Blick starr zur Leinwand, Finger arbeiten diskret. Man glaubt, man ist unsichtbar. Man ist es nicht. Der Kollege Dennis, immer Dennis, hat es gesehen. Er sagt nichts. Aber er weiss es. Und man weiss, dass er es weiss. 


4. Das Solidaritäts-Popeln. Man sieht jemanden beim Popeln. Man tut so, als hätte man es nicht gesehen. Der andere tut so, als wäre nichts gewesen. In diesem stillen Einverständnis liegt eine tiefe, unausgesprochene Menschlichkeit. Wir schützen einander. Wir lassen einander ihre würdelosen Momente. Das ist Gesellschaft. Das ist Zivilisation. 


Aber ich möchte, wie immer in diesen Kolumnen, nicht nur an der Oberfläche kratzen. Nein, falsches Wort. Nicht nur bohren. Denn hinter dem Popeln steckt etwas Grösseres. Etwas, das mit unserem Verhältnis zur Scham zu tun hat. Mit der Frage, welche Teile von uns wir zeigen dürfen, und welche wir verstecken.
Wir leben in einer Zeit der radikalen Selbstdarstellung. Instagram, LinkedIn, TikTok, überall kuratierte Versionen des Lebens. Die perfekte Wohnung, der perfekte Körper, der perfekte Karriereweg. Und dann sitzt man zuhause auf dem Sofa, Finger in der Nase, und denkt: Das hier würde ich nie posten. Warum eigentlich nicht? Es wäre das echteste Bild von allen.
Ich sage nicht, dass wir das Popeln normalisieren sollen. In der Öffentlichkeit, am Esstisch, im Gespräch mit dem Vorgesetzten, nein, das braucht es nicht. Aber diese kollektive Energie, die wir darauf verwenden, so zu tun, als würden wir es nie tun? Die könnte man woanders einsetzen. Für echte Gespräche. Für ehrliche Momente. Für die Bereitschaft, unperfekt zu sein. 

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"Das Popeln ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir gelernt haben, uns für die falschesten Dinge zu schämen."

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Ich gestehe: Ich habe diese Kolumne angefangen als Witz. Je länger ich schreibe, desto mehr merke ich, dass dieses Thema genau so ernst ist wie die andere. Vielleicht ernster. Denn es geht um Authentizität. Um die Fähigkeit, sich selbst in den unbeobachteten, ungeschminkten, vollständig menschlichen Momenten anzunehmen.
Dennis, der Mann, der mir beim Klo-Desaster die Toilettenpapierrolle unter der Tür durchgeschoben hat, hat mich einmal gefragt, warum ich Dinge aufschreibe, für die sich andere schämen würden. Meine Antwort war: Weil die Dinge, für die wir uns schämen, meistens die ehrlichsten sind. Der Klopapier-Notfall. Die Hand in der Nase, wenn niemand schaut. Das sind keine peinlichen Randnotizen des Lebens. Das ist das Leben. In seiner eigentlichen, unretuschierten Form. Und ich finde, das verdient einen Text. Vielleicht sogar zwei Seiten.
Also das nächste Mal, wenn ihr allein seid und der Finger aufsteigt, macht es ruhig. Ihr seid in guter Gesellschaft. Ihr seid in menschlicher Gesellschaft. Und wenn euch jemand dabei erwischt, lächelt einfach. Mit der ruhigen Würde einer Person, die weiss: Wir alle tun es. Die Ehrlichsten unter uns geben es nur zu.

 KOLUMNE · EXISTENZIELLE KRISEN UNSERER ZEIT 

Ich sitze auf dem Klo und es hat kein Toilettenpapier. 

Ein Erlebnisbericht aus den tiefsten Tiefen menschlicher Verletzlichkeit. Eine Reise ins Herz der Finsternis. Eine Geschichte, die hätte vermieden werden können und es doch nicht wurde. 

copyright Michael Kopytko  ·  07.05. 2026 

 Es gibt Momente im Leben, die einen verändern. Momente, nach denen man nicht mehr derselbe Mensch ist wie zuvor. Der erste Schultag. Die erste grosse Liebe. Der erste Herzschmerz. Und dann,  dann gibt es diesen Moment. Den Moment, in dem man auf der Toilette sitzt, die Tat vollbracht ist, und die Hand nach rechts greift. Langsam. Selbstverständlich. Routiniert. Und das Fingerkuppen-Radar, das wir alle haben, meldet: nichts. Nur Luft. Die raue Oberfläche einer leeren Papprolle. Das Geräusch einer sich leer drehenden Hülse, die wie ein kleines, böses Windspiel in der Stille des Badezimmers kichert. Heute erzähle ich euch davon. Nicht weil ich muss. Sondern weil es Zeit wird, dass jemand die Wahrheit ausspricht. Es begann wie jeder andere Dienstagmorgen. Kaffee. Kurzer Blick aufs Handy. Die üblichen Nachrichten, von denen man nicht weiss, ob man lachen oder weinen soll. Und dann, der Ruf der Natur. Unerbittlich, demokratisch, respektlos gegenüber Terminkalendern und Weltanschauungen. Der Körper hat bekanntlich keine Uhr, aber er hat einen Willen. Und dieser Wille war heute Morgen von einer Entschlossenheit, die ich nur bewundern konnte. Ich begab mich also ins Badezimmer. Ruhig. Würdevoll. Ohne böse Ahnung. Ich tat, was ein Mensch tut. Und in dem Augenblick, in dem die Situation abgeschlossen war, in diesem Augenblick stiller Erleichterung und inneren Friedens, griff ich nach rechts. Zur Papierrolle. Zur treuen Begleiterin des modernen Lebens. 
Sie war nicht da. 
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 „Die leere Papprolle ist das Memento Mori unserer Zeit. Sie erinnert uns daran: Du bist sterblich. Und du bist allein."
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Ich möchte hier kurz innehalten und festhalten, was in den nächsten drei Sekunden in meinem Kopf passierte, denn diese drei Sekunden fühlten sich an wie eine halbe Ewigkeit. Zunächst: Unglaube. Das klassische Leugnen. Die Hand tastete nochmals. Vielleicht hatte ich die falsche Seite erwischt. Vielleicht existierte das Papier in einer an deren Dimension. Vielleicht war ich noch nicht ganz wach und das hier war ein Traum. Dann: die sachliche Bestandsaufnahme. Ja. Es ist wirklich leer. Das ist wirklich passiert. Willkommen in der Reali tät. Und schliesslich, in Welle drei: ein Gefühl, das ich nur als existen tielle Stille beschreiben kann. Wie jene Stille nach einem Blitz, bevor der Donner kommt. 
Der Verstand, dieses wunderbare, vom Menschen so geschätzte Werkzeug, sprang sofort in den Krisenmodus. In den nächsten Minuten entwickelte ich Strategien, die in ihrer Kreativität locker einen Innovationspreis verdient hätten. Ich möchte sie der Nachwelt nicht vorenthalten: 

1. Der Blick nach links. Gibt es eine zweite Rolle? Eine Reserve? Einen strategischen Vorrat, den man für genau diesen Moment angelegt hat? Nein. Natürlich nicht. Weil man das in guten Zeiten immer vergisst aufzufüllen. Man sitzt in der Sonne und denkt nicht an den Regen. Man ist jung und denkt nicht ans Alter. Man kauft Toilettenpapier und denkt nicht daran, dass man auch morgen noch auf dem Klo sitzen wird. 

 2. Die Inventur der Reichweite. Was liegt in meiner unmittel baren Umgebung, das theoretisch, rein theoretisch, als Substitut dienen könnte? Mein Blick schweift. Papiertaschentücher? Nicht in Sichtweite. Das Shampoo-Etikett? Verlockend klein. Ein alter Kassenbon, der irgendwie ins Bad geraten ist? Möglicherweise. Ich entscheide mich noch nicht. 

 3. Der Ruf um Hilfe. Kommt jemand zu Hause in Frage, der ohne zu viel Kontext zu erhalten, einfach eine neue Rolle vor die Tür legen könnte? Dennis. Dennis ist die Antwort. Dennis ist immer die Antwort. Die Frage ist nur: Wie formuliert man das? Mit Würde? Mit Humor? Mit der nüchternen Sachlichkeit einer Notfall-SMS? 
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 Die SMS an Dennis lautete: „Kannst du kurz kommen." Kein Fragezeichen. Das war Absicht. Fragezeichen implizieren, dass es eine Option wäre, nicht zu kommen. 
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Dennis kam. Natürlich kam er. So wie man immer kommt, wenn der Mensch, den man liebt, auf der anderen Seite einer Tür sitzt und eine SMS ohne Fragezeichen schickt. Er klopfte. Ich erklärte die Lage in der geringstmöglichen Anzahl von Worten. Es folgte eine Pause von etwa zwei Sekunden, die Pause des Mannes, der versteht, was los ist, und der entscheidet, ob er lacht oder Mitgefühl zeigt. Er entschied sich für beides gleichzeitig, was ich ihm hoch anrechne. Die Rolle erschien unter der Türritze. Ich nahm sie mit einer Feierlichkeit entgegen, die Gerichtsvollziehern und Oscargewinnern vor behalten sein sollte. Selten hatte ein Objekt eine so tiefe emotionale Wirkung auf mich gehabt. 
 Aber hier ist das Ding, und deswegen schreibe ich diese Kolumne wirklich: Was ich in diesen Minuten gespürt habe, war mehr als nur Panik. Es war eine Art Offenbarung. Eine dieser kleinen, peinlichen, tiefmenschlichen Situationen, in denen man plötzlich ganz klar sieht, wer man ist. Nicht im grossen Drama des Lebens. Nicht ange sichts existenzieller Fragen über Beruf und Zukunft. Sondern im Kleinen. Im Lächerlichen. Im Banalen. 
Ich hatte Toilettenpapier als selbstverständlich betrachtet. So wie man Strom als selbstverständlich betrachtet, und warmes Wasser, und die Tatsache, dass der Bus kommt. Wir bauen unser Leben auf tausend kleinen Selbstverständlichkeiten auf, und solange sie funktionieren, bemerken wir sie nicht. Erst wenn eine davon wegbricht, spüren wir das ganze Gewicht, das sie getragen hat.  Ja, ich weiss. Es klingt lächerlich. Philosophie aus der Bredouille. Lebensweisheit von der Klobrille. Aber vielleicht ist das genau der Punkt. Die grossen Lektionen des Lebens verstecken sich nicht im mer in den grossen Momenten. Manchmal sitzen sie auf einem kalten Keramikrand und warten, bis man keine andere Wahl hat, als nach zudenken. 

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 „Das Toilettenpapier ist das unbesungenste Helden epos der Zivilisation. Niemand schreibt Gedichte darüber. Niemand malt es. Niemand dankt ihm. Und doch, ohne es wären wir alle verloren."
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Ich habe diesen Morgen übrigens nicht ohne Konsequenzen hinter mir gelassen. Noch am selben Tag bin ich in den Supermarkt gegangen, nicht um ein paar Rollen zu kaufen, wie ein normaler Mensch, sondern um einen Vorrat anzulegen, der Kriege überdauern würde. Achtzehn Rollen. Dreilagig. Die Premium-Variante, bei der man das Gefühl hat, sich wirklich etwas zu gönnen. Dennis sah mich an, als ich damit nach Hause kam, mit dem Blick eines Mannes, der versteht, dass bestimmte Traumata bestimmte Reaktionen erzeugen und der weise genug ist, nichts zu sagen.  Der Vorrat steht jetzt im Badezimmerschrank. Manchmal schaue ich ihn an. Er schaut zurück. Zwischen uns besteht eine stille Übereinkunft: Nie wieder. Und falls ihr euch gerade fragt, ob ihr euren eigenen Vorrat checken solltet, ja. Ja, das solltet ihr. Jetzt sofort. Legt das hier weg, geht ins Badezimmer, und schaut nach. Ihr könnt mir später danken. Oder auch nicht. Hauptsache, ihr seid vorbereitet. 
Denn das Leben ist unberechenbar. Die Natur ist unerbittlich. Und der Moment, in dem man glaubt, alles im Griff zu haben, ist oft genau der Moment, in dem man auf einer leeren Papprolle sitzt und eine SMS ohne Fragezeichen schreibt. 

 In diesem Sinne: Passt auf euch auf. Und noch mehr auf euer Toilettenpapier.